Energiewende im Heizungskeller

Aus Öl wurde Gas, aus Gas wird erneuerbare Energie

Aufgrund des Klimawandels und der Weltpolitik müssen Wärmekonzepte für Wohnungen und Häuser künftig anders gedacht und CO₂-neutral erzeugt werden.

Normalerweise lernt man den Heizungskeller anderer Leute nicht so schnell kennen, wenn man sie besucht. Bei Samantha Haas ist das anders. Als sie an diesem Vormittag an der Haustür der Familie Lürssen in Norderstedt (Schleswig-Holstein), nördlich von Hamburg, klingelt, trägt die junge Frau eine schwarze Arbeitshose, Sicherheitsschuhe, in der Linken eine offene Kiste mit Werkzeugen und rechts einen handlichen Koffer. Auch diese Visite führt Haas schnurstracks treppab: in einen Heizungskeller der angenehmeren Art. Keine drangvolle Enge, kein Schmutz auf dem Boden, keine Spinnweben in Augenhöhe. „So ist das leider nicht überall“, sagt sie. Die Anlagenmechanikerin für Sanitär, Heizung und Klimatechnik stellt Kiste und Koffer ab und startet ihr Tablet. Der Monitor bildet die Therme ab, einschließlich der technischen Daten. „Eine moderne Gasbrennwertheizung – diese hier kenne ich schon aus dem vergangenen Jahr“, sagt sie, während sie die weiße Verkleidung entfernt. Gasbrennwertheizungen arbeiten wesentlich effizienter als konventionelle Gasthermen, denn sie pusten die Abwärme nicht durch den Schornstein in die Atmosphäre; stattdessen nutzen sie die Energie, um die einströmende Luft zu erwärmen. 

Jetzt beginnt die Wartung. Samantha Haas spült die Gastherme von innen mit Wasser, ohne sich dabei die Hände sonderlich dreckig zu machen. „Die Wartung von Ölheizungen ist da deutlich anders, Gasthermen sind im Vergleich eine saubere Sache“, sagt die 26-Jährige. Schon am ersten Tag ihrer Ausbildung merkte sie, dass sie neben vielen Männern ihre Frau würde stehen müssen. Es gibt kaum andere Anlagenmechanikerinnen für Sanitär, Heizung und Klimatechnik. „Die einzigen, die ich in der Ausbildung kennenlernte, hatten einen Vater mit eigenem Betrieb und ohne Sohn.“ Bei Haas ist das anders, für sie ist das ihre Bestimmung: „Ich bin glücklich, diesen Beruf erlernt zu haben.“ Natürlich hat sie es schon erlebt, dass ihr Kunden die Haustür öffneten und fragten, wann denn ihr Kollege käme. „Das sind seltsamerweise oft Frauen, die mir diese Frage stellen“, sagt die Handwerkerin.

Rollenklischees, die erst allmählich aus den Köpfen verschwinden. „Unter meinen Kollegen behandelt mich die große Mehrheit aber ganz normal. Und wenn mir doch mal jemand krumm kommt, kann ich immer noch austeilen. Das muss man in diesem Job einfach aushalten.“ Manche wollen zuvorkommend sein und ihr schwierige Hand-griffe abnehmen. Davon hält sie nichts. Sie wusste von Anfang an, dass sie in diesem Job öfter ihre Körperkräfte einsetzen muss. Nie hat sie bislang etwa einen Kollegen bitten müssen, eine fest sitzen-de Schraube zu lösen: „Ich will ja auch das gleiche Geld verdienen wie meine männlichen Kollegen.“ Selbst ist die Frau, dieses Credo schwingt in jedem ihrer wohlüberlegten Sätze mit. Dreimal wöchentlich geht sie ins Fitnessstudio. Grazil habe sie nie wer-den wollen: „Und Prinzessin zuletzt, als ich zehn Jahre alt war!“

AUCH DEUTSCHLAND MUSS ANDERS HEIZEN, WENN ES DIE WÄRMEWENDE WILL

Knapp die Hälfte der rund 16 Millionen Eigenheime hierzulande wird heute mit Gas beheizt; dazu kommt noch ein Viertel mit Öl. Deren Zahl sinkt stark. Allein fünf Millionen alte Ölheizungen warten in Deutschlands Kellern auf ihren fachgerechten Austausch. Ab 2024, so plant es die neue Bundesregierung, sollen hierzulande nur noch neue Heizungen installiert werden dürfen, die ihren Energiebedarf zu mindestens 65 Prozent aus erneuerbaren Quellen decken. Nicht nur daraus lässt sich schließen, dass Heizungskeller mehr denn je zu zentralen Schauplätzen der Energiewende werden. Samantha Haas gefällt es, an dieser gigantischen Aufgabe mitwirken zu können – nicht nur individuell, sondern auch als Leistungsträgerin eines der größten Handwerksbetriebe für Heizungsbau in Deutschland: Thermondo und seine 600 Mitarbeitenden haben bundesweit schon über 28.000 alte Heizungen gegen neue ausgetauscht, obwohl die Firma erst 2013 als Start-up in Erscheinung trat. „Wärme ist der größte Hebel, um Wohnen klimaneutral zu machen“, sagt Thermondo-Gründer Philipp Pausder. „Als einer der Marktführer stehen wir für diese Aufgabe bereit und wollen mit unseren Kollegen aus der ganzen Branche bis 2045 jedes Zuhause klimaneutral machen.“ Das geht mit Öl- und Gasbrennern nicht, jedenfalls solange sie konventionell betrieben werden. Wärmepumpen hingegen benötigen keinen kohlenstoffbasierten Energieträger, sondern arbeiten nach dem Prinzip eines umgekehrten Kühlschranks mit Strom – der nach dem Kohle- und Atomausstieg verstärkt regenerativ erzeugt wird. Thermondo möchte mehr Hausbesitzer zum Umsteigen animieren und plant, ab Juni 2022 auch Wärmepumpen zu installieren. Dabei zielt das Unternehmen mit Firmensitz in Berlin auch auf potenzielle Kunden ab, die sich die meist fünfstellige Investition in einen Heizungsaustausch nicht leisten können – oder wollen. Als erster Anbieter in Deutschland bietet man seit 2016 auch Heizungen zur Miete an, samt Rundum-sorglos-Paket. „Durch Contracting machen wir Wärmepumpen für fast jeden Geldbeutel erschwinglich“, sagt Pausder. Im Heizungskeller der Lürssens in Norderstedt hat Samantha Haas in der Zwischenzeit alle Komponenten der Gasbrennwertheizung akribisch gereinigt und sie damit für ein weiteres Jahr effizienten Betriebs ertüchtigt. Jetzt schraubt sie die Verkleidung wieder fest. Trotz ihres jungen Alters sammelte sie schon Berufserfahrungen bei mehreren Betrieben. Ein Eindruck, den sie frühzeitig gewann: „In der Heizungsbranche lebt mancher noch im Neandertal und erledigt Aufträge immer noch mit Papier und Stift.“ Dass es auch anders geht, erfuhr sie bei ihrem jetzigen Arbeitgeber, der sich auch das Thema Digitalisierung auf die Fahnen geschrieben hat. Alles, was sie wissen muss, ist in ihrem Tablet hinterlegt. Technische Daten der Anlage, letzte Wartung und das dazugehörige Protokoll. Obwohl sie damals noch nicht im Betrieb war, kann sie nachlesen, dass Hausherr Lürssen vor einigen Jahren seine Ölheizung gegen eine effizientere Gasbrennwertheizung austauschen ließ. Ob Disposition, Auftragshistorie oder Inbetriebnahme-Prozess: Alles ist digitalisiert.

HEIZTECHNIK OHNE ÖL UND GAS IST DAS GEBOT DER STUNDE

Russlands Invasion in der Ukraine und die rasant gestiegenen Öl- und Gaspreise haben viele Gewissheiten in Sachen Heizung ins Wanken gebracht. „Das hat vielen Menschen klargemacht, dass wir schneller weg müssen vom Erdgas“, sagt Haas. Und die drastisch gestiegene Nachfrage nach Wärmepumpen und Solarthermie dürfte die Migration hin zu klimafreundlicher Technik weiter beschleunigen. Dabei muss es nicht unbedingt ein neues Gerät sein, auch der Energieträger lässt sich theoretisch wechseln. „Das Gasbrennwertgerät bei den Lürssens ließe sich problemlos durch eine CO₂-neutrale Wärmepumpe ersetzen“, erklärt Haas. Für sie bringt die Energiewende im Heizungskeller diverse Veränderungen mit sich: „Wärmepumpen kamen in meiner Ausbildung noch nicht vor, man muss stetig am Ball bleiben.“ Auch Thermondo stellt dieses unverhofft dringlich gewordene Energiewende-Manöver vor neue Herausforderungen. Das Unternehmen wuchs sehr schnell, mit dem Einbau von Gasheizungen, jetzt muss es den Umstieg auf eine Technik ohne Flamme bewältigen. Dabei hilft ein kanadischer Finanzinvestor, der im vergangenen Jahr an Bord ging. Zur Abrundung der Wartung im Norderstedter Reihenhaus kommt jetzt Dräger-Technik ins Spiel. Dem kleinen schwarzen Koffer entnimmt Samantha Haas ein handliches Gerät und drückt es gegen das Heizungsgehäuse. Zwei solide Magnete auf der Rückseite fixieren das 550 Gramm leichte Abgasmessgerät FG 7500. Die Technikerin verbindet es mit Ringspaltadapter und Abgassonde und führt Letztere in das Abgasrohr ein. Als Ringspalt bezeichnet man in einem doppelwandigen Abgasrohr oder Kamin den Zwischenraum von Innenrohr und Außenwand. Mit ihm wird eine Gastherme zur effizienteren Gasbrennwertheizung. „Durch das Innenrohr strömen die heißen Abgase nach oben, die dabei die entgegenkommende Frischluft, die zur Heizung fließt, erhitzen“, erklärt Haas. Dank dieses Verfahrens arbeitet die Anlage unabhängig von der Raumluft im Heizungskeller. Am Ende der Messung zeigt das Farbdisplay alle relevanten Messwerte an; per Bluetooth und Dräger-App werden sie an das Tablet der Handwerkerin übertragen und in das Kundenkonto eingepflegt. Hausherr Lürssen bekommt die Ergebnisse noch per Infrarotdrucker schwarz auf weiß: 20 ppm Kohlenmonoxid (CO) hat das FG 7500 im Abgasstrom gemessen, das ist im grünen Bereich. Auch die anderen Parameter sind unauffällig. Samantha Haas arbeitet erst seit ein paar Wochen mit dem FG 7500 von Dräger MSI. „Die Einhandbedienung, das übersichtliche Display und das neue Bedienkonzept haben mich schnell überzeugt.“ Vier Jahre Garantie übernimmt Dräger für das Abgasmessgerät, aber Erfahrungen mit Vorgängermodellen zeigen, dass Handwerksbetriebe oft bis zu acht Jahre damit arbeiten. Nach einer Stunde hat die Handwerkerin ihren Wartungsauftrag in Norderstedt erledigt. Sie erläutert Gerhard Lürssen, was sie in seinem Heizungskeller gemacht hat, packt ihre sieben Sachen in den schwarzen Transporter und lässt sich von ihrem Tablet den nächsten Wartungstermin anzeigen: Hamburg-Altona. Ihr Alltag ist eng getaktet, Haas arbeitet gern schnell.

 

 

©Text: Olaf Krohn
©Fotos: Patrick Ohligschläger